Kulinarische Biographie

Zwanzig Jahre Hunger nach Welt

Es war Parmesan. Nichts weiter, könnte man sagen. Ein Produkt, das jeder kennt, meist gerieben, manchmal in Splittern, gelegentlich viel zu kalt aus einem Kühlschrank genommen. In Modena lag er plötzlich vor mir in fünf Texturen, fünf Temperaturen, fünf Reifegraden. Weiß in Weiß. Fast dadaistisch in seiner Reduktion. Und doch war das Entscheidende nicht die Idee.

Das Gericht bedurfte keiner Analyse. Es war kein Kopfgericht, obwohl es sich mühelos hätte analysieren lassen. Es war ein Herzensgericht. Man kannte Parmesan – und kannte ihn nach diesem Teller ein wenig weniger. Das Vertraute war auseinandergenommen worden, ohne seine Seele zu verlieren.

Vielleicht begann die eigentliche kulinarische Biografie genau dort. Nicht beim ersten großen Restaurant, nicht beim ersten Michelin-Stern und auch nicht bei der ersten Reise, die um ein Abendessen herum geplant wurde. Sondern in dem Moment, in dem aus dem Sammeln von Erfahrungen eine Wahrnehmung wurde.

Zwanzig Jahre Essen hinterlassen schließlich eine Menge Namen. Aber Namen sind schlechte Erinnerungen. Man erinnert sich an eine Torte vom Rinderfilettatar mit Imperial Kaviar. An eine Effilochée vom Taschenkrebs mit Wassermelone. An den Geruch eines Baguettes aus einem uralten Holzofen in Bordeaux. An einen Schluck DRC bei Ramirez. An eine Taube, bei der plötzlich niemand mehr reden musste.

Die Sterne stehen später im Führer. Im Kopf bleiben andere Dinge.

Die ersten Maßstäbe

Dreis, eine Torte und die Sache mit der Größe

Wer über deutsche Spitzenküche der vergangenen Jahrzehnte spricht, kommt an Helmut Thieltges nicht vorbei. Für mich ist die Erinnerung an das Sonnora allerdings weniger historisch als körperlich. Da ist diese Torte vom Rinderfilettatar, darauf Imperial Kaviar – luxuriös, ja, aber nicht im plakativen Sinn. Eher jene alte Vorstellung von Luxus, bei der ein großes Produkt nicht deshalb auf dem Teller liegt, weil es teuer ist, sondern weil jemand genau weiß, was damit zu tun ist.

Es war eine Küche, die keinen Erklärungsbedarf hatte. Man musste nicht wissen, welche Geschichte ein Gericht erzählen wollte. Es erzählte sie beim Essen. Sauce, Temperatur, Produkt, Konsistenz: Begriffe, die trocken klingen, bis man erlebt, wie sie zusammenfallen können.

Deutschland war über viele Jahre meine längste Schule. Das Vendôme unter Joachim Wissler konnte dagegen intellektueller auftreten, verspielt und konzentriert zugleich. Bareiss und Schwarzwaldstube lehrten andere Formen der Souveränität. Im Aqua zeigte sich Präzision noch einmal in einer eigenen Sprache; Tantris trug ohnehin immer die Aura einer Institution mit sich. Victor’s, Tohru, Alexander Herrmann, Nagaya – jeder dieser Orte verschob den Maßstab ein wenig, manchmal durch einen einzelnen Teller, manchmal erst im Vergleich über Jahre.

Gerade Nagaya war wichtig, weil dort die Blickrichtung wechselte. Plötzlich war Zurückhaltung kein Mangel. Schnitt, Temperatur, Klarheit und Leere bekamen Gewicht. Nach vielen europäischen Menüs voller Fonds, Saucen, Reduktionen und geschichteter Aromen wirkt eine japanisch geprägte Küche zunächst fast wie das Weglassen von etwas. Später merkt man: Sie lässt nicht weg. Sie setzt nur anders.

Auch Christian Baus Küche gehört in diese Entwicklung. Nicht, weil man sich für einen Lieblingskoch entscheiden müsste wie früher für einen Fußballverein. Sondern weil es Küchen gibt, deren Geschmackssprache man wiedererkennt.

Mit den Jahren wurde eine Erkenntnis immer deutlicher: Wiederholte Besuche sind wichtiger als einmalige Sensationen. Ein einziger Abend kann überwältigen. Erst beim zweiten, dritten oder fünften Mal versteht man, ob man eine Handschrift erlebt hat – oder nur einen sehr guten Dienstag.

Zwischen Zwolle und Amsterdam

Benelux und die Lust, Regeln nicht zu ernst zu nehmen

Dann gibt es Gegenden, in denen Hochküche weniger ehrfürchtig wirkt. Die Niederlande und Belgien waren für mich solche Gegenden. Nicht weniger präzise, nicht weniger ehrgeizig – aber oft freier in der Art, wie sie sich selbst betrachten.

Jonnie Boer im De Librije ist dafür ein gutes Beispiel. Dort fühlte sich Regionalität nie wie eine moralische Hausordnung an. Produkte aus der Umgebung waren kein Argument, das man erst lesen musste, sondern Material für Fantasie. Ein Teller durfte verspielt sein, ohne albern zu werden, und technisch hochkomplex, ohne seine Gastlichkeit zu verlieren.

Oud Sluis wiederum hatte eine ganz andere Spannung. Meer, Säure, Textur, Präzision – weniger gemütlich, elektrischer. In Amsterdam zeigte Ciel Bleu eine urbane, internationale Form von Luxus; Spectrum konnte stiller, nuancierter, beinahe nach innen gekehrt wirken. Und Peter Gast stand noch einmal daneben wie jemand, der sich ungern erklären lässt.

Das Interessante an solchen Reisen war irgendwann nicht mehr die Frage, wo „besser“ gekocht wurde. Viel spannender war der Wechsel der Tonlage. Ein Tag in Zwolle, später Amsterdam, ein anderes Jahr Belgien – und plötzlich merkt man, dass Spitzengastronomie kein einheitliches Genre ist. Sie ist eher eine Sammlung von Dialekten.

Vielleicht erklärt das auch, warum mir die reine Sternestatistik nie genügt hat. Sterne und Punkte sind hilfreiche Orientierungssysteme. Mehr nicht. Eine Karte kann einem sagen, wo ungefähr ein Berg steht. Sie sagt noch nichts darüber, wie die Luft oben riecht.

Man kann zwanzig Jahre lang sehr viel essen und am Ende trotzdem nicht sicher wissen, was „das Beste“ war. Das ist kein Defizit. Es ist vermutlich der Erkenntnisgewinn.

London, Cornwall, Küste

Großbritannien und das Ende eines alten Vorurteils


Großbritannien war lange das Lieblingsopfer kontinentaleuropäischer Küchenspötter. Wer dort über längere Zeit gut isst, versteht schnell, wie langweilig dieses Klischee geworden ist.

Gordon Ramsay stand für eine klassische, französisch grundierte Form britischer Spitzenküche: poliert, diszipliniert, großstädtisch. Paul Ainsworth brachte eine andere Wärme hinein, zugänglicher, britischer vielleicht, ohne deshalb weniger ambitioniert zu sein. Und bei Nathan Outlaw wurde das Meer selbst zum Argument.

Gerade Fischküche hat eine angenehme Eigenschaft: Sie entlarvt. Ein sehr guter Fisch braucht keine zehn Nebenideen. Er braucht jemanden, der weiß, wann er die Hitze verlassen muss. Dazu Säure, Salz, vielleicht eine Sauce – und die Disziplin, aufzuhören.

In Cornwall ist das ohnehin schwer von der Landschaft zu trennen. Küste, Wind, Hafen, Fisch: Es wäre absurd, so zu tun, als ließe sich die Mahlzeit von ihrem Ort lösen. Das ist einer der Gründe, warum Restaurantkritik im luftleeren Raum mich immer weniger interessiert. Derselbe Teller schmeckt nicht überall gleich, selbst wenn er technisch identisch wäre. Wir essen Räume, Geräusche, Erwartungen und Wetter mit.

New York

Vier Restaurants, vier Arten von Luxus

New York kann einen innerhalb weniger Tage glauben lassen, die ganze Welt ließe sich in Restaurants ordnen. Per Se, Daniel, Le Bernardin, Masa: vier große Namen, vier völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, worin Luxus bestehen kann.

Im Per Se war es die Kontrolle des Gesamterlebnisses, jene fast unheimliche Fähigkeit, einen Abend so präzise zu takten, dass man die Arbeit dahinter möglichst nicht bemerkt. Daniel brachte französische Grandezza in die amerikanische Metropole. Le Bernardin setzte das Meer in den Mittelpunkt und zeigte, wie anspruchsvoll scheinbare Einfachheit sein kann. Masa wiederum verlangte eine andere Form von Vertrauen: weniger europäische Dramaturgie, mehr Produkt, Ritual, Konzentration.

Ich erinnere mich heute weniger an die Reihenfolge der Gänge als an das Gefühl, dass ein Begriff wie Luxus plötzlich auseinanderfiel. Luxus konnte Überfluss bedeuten – oder Reduktion. Raum – oder Nähe. Service – oder Stille. Eine große Flasche – oder einen winzigen Schluck von etwas, das man wahrscheinlich nie wieder trinken würde.

So gehört auch jener Schluck DRC bei Ramirez hierher. Nicht als Wein-Trophäe. Eher als ein paar Sekunden, in denen ein Name, den man jahrelang gelesen hatte, plötzlich Geruch und Geschmack bekam. Danach war das Glas leer und das Leben ging weiter. Vielleicht ist genau das die angemessene Größenordnung für Mythos.

Roses, Kopenhagen, Modena

Als Essen plötzlich auch eine Idee sein durfte

Es gab eine Zeit, in der die Avantgarde alles durcheinanderbrachte. El Bulli war dafür die große Chiffre. Wer dort gegessen hatte, konnte schwer so tun, als bestünde ein Gericht ausschließlich aus Produkt, Garung und Sauce. Plötzlich durfte Essen täuschen, zitieren, verschwinden, seine Textur wechseln, sich als etwas anderes ausgeben.

Das war befreiend. Und irgendwann auch anstrengend.

Noma veränderte die Perspektive auf Regionalität. Nicht mehr die gemütliche Idee vom Guten aus der Heimat, sondern eine radikale Beschränkung, aus der eine neue Sprache entstand. Geranium zeigte eine beinahe schwerelose Präzision. Der Alchemist trieb die Idee weiter, bis das Restaurant kaum noch nur Restaurant war: Bühne, Installation, Erzählung, manchmal Überwältigungsmaschine.

Man lernt in solchen Häusern viel über Inszenierung. Später lernt man ebenso viel darüber, wann Inszenierung nicht nötig ist.

Und dann Modena. Massimo Bottura konnte Tradition nehmen, sie auseinanderbauen, ironisieren und trotzdem emotional intakt lassen. Das berühmte Parmesangericht war dafür für mich stärker als jede theoretische Erklärung seiner Küche. Fünf Reifegrade, fünf Temperaturen, fünf Texturen – und trotz aller konzeptionellen Konstruktion blieb am Ende vor allem Parmesan.

Das ist schwerer, als es klingt. Viele intellektuelle Gerichte erklären ihre Idee besser, als sie schmecken. Die großen schaffen beides. Sie lassen einen denken – aber erst nachdem man geschmeckt hat.

Osteria Francescana und Casa Maria Luigia zeigten zudem zwei unterschiedliche Arten, wie Erinnerung funktionieren kann: einmal konzentriert und fast museal ausgeleuchtet, einmal großzügiger, familiärer, näher am gemeinsamen Tisch. Beides war Italien. Nur nicht dasselbe Italien.

Bangkok, Düsseldorf und die andere Grammatik

Asien war nie nur ein Exkurs

Es wäre bequem, eine europäische kulinarische Biografie zu schreiben und Asien als exotischen Seitenarm einzubauen. Das würde der Erfahrung nicht gerecht.

In Bangkok etwa Sühring: deutsche Erinnerungen, deutsche Aromen, deutsche Techniken – aber ausgerechnet dort, weit weg von Deutschland, wirkten sie plötzlich neu. Nicht folkloristisch, sondern als Material. Man konnte erkennen, dass Heimat in einer Küche nicht zwingend bedeutet, etwas konservieren zu wollen.

Auf Märkten und in Garküchen Südostasiens wiederum löst sich das europäische Ordnungssystem schnell auf. Tiefe entsteht nicht zwingend aus einem Fond, der zwölf Stunden reduziert wurde. Sie kann aus Fermentation kommen, aus Fischsauce, Chili, Kräutern, Rauch, Brühe, Limette, Süße. Komplexität kann sehr laut sein – oder so selbstverständlich, dass man erst später merkt, wie viele Ebenen gerade zusammengekommen sind.

Diese Erfahrungen wirkten zurück auf Europa. Nagaya ließ sich danach anders lesen. Ebenso Küchen wie Tohru oder jene europäischen Restaurants, die asiatische Techniken nicht als Dekoration einsetzen, sondern wirklich verstanden haben, dass Säure, Umami, Temperatur und Textur eine andere Dramaturgie ermöglichen.

Reisen verändert Geschmack selten durch eine einzelne Offenbarung. Es ist eher Erosion. Nach und nach verschwinden Gewissheiten.

Die kleinen Dinge

Das Baguette schlägt zurück

Wer lange über Spitzenküche spricht, läuft Gefahr, das Alltägliche nur noch als Kontrastfolie zu benutzen. Das wäre schade. Denn irgendwann begann mich genau das wieder stärker zu interessieren: Brot, Butter, Sardinen, Käse, Schinken, Brühen, Märkte, einfache Fische, ein Stück Fleisch vom Feuer.

In Bordeaux stand ich bei einem Bäcker, dessen Holzofen so alt war, dass man das Alter beinahe als eigene Zutat betrachten konnte. Das Baguette war kein „Gang“. Niemand erklärte die Hydration des Teigs. Es gab kein Geschirr, keine Pinzette, kein Menüpapier. Es roch nach Kruste, Mehl, Rauch und Wärme. Mehr brauchte es nicht.

Solche Momente sind keine demonstrative Abkehr von der Hochküche. Ich halte nichts von der romantischen Idee, ein Butterbrot sei automatisch ehrlicher als ein Drei-Sterne-Menü. Ein schlechtes Butterbrot bleibt ein schlechtes Butterbrot. Aber ein hervorragendes Baguette kann denselben Ernst verdienen wie ein großer Teller.

Die Bretagne lieferte dafür reichlich Anschauungsmaterial: Austern, Butter, Sardinen, Meeresluft. Im Baskenland waren es Anchovis, Kokotxas, Txakoli und später ein großes Stück Txuleta vom Feuer. Lyon setzte mit seiner Lust an Innereien, Saucen und bürgerlicher Opulenz einen ganz anderen Akzent.

Doch diese letzte Reise durch Frankreich und Nordspanien war nur eine Fortsetzung von etwas, das längst begonnen hatte. New York hatte gezeigt, wie Weltstadt schmecken kann. Kopenhagen, wie Landschaft in Avantgarde übersetzt wird. Cornwall, wie Küste. Bangkok, wie Hitze und Fermentation. Amsterdam, wie urbane Eleganz. Modena, wie Erinnerung. Dreis, wie klassische Tiefe.

Reisen wurden deshalb mit der Zeit weniger zu einer Abfolge von Reservierungen. Das Restaurant blieb wichtig, aber der Tag darum herum wurde wichtiger. Der Markt am Morgen. Der Laden, in dem ein Produkt liegt, das zu Hause banal wirken würde. Die Bäckerei. Ein Glas im Stehen. Ein Teller, der nicht fotografiert wurde und gerade deshalb im Kopf blieb.

Gerichte, die nicht verschwinden

Ein persönliches Gedächtnis kennt keine Rangliste

Manche Teller setzen sich fest, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Die Torte vom Rinderfilettatar mit Imperial Kaviar nach Helmut Thieltges gehört dazu. Der Parmesan in seinen fünf Aggregatzuständen von Erinnerung und Temperatur. Eine Effilochée vom Taschenkrebs mit Wassermelone von Christian Bau – jene Verbindung aus Süße, Meer, Saftigkeit und feiner Faser, die zunächst fast zu leicht klingt, um lange zu bleiben, und genau deshalb blieb.Ein kleines Stück Thunfischbauch mit gegrilltem Rindermark bei Joachim Wissler.

Dann Gerichte, deren Namen irgendwann unscharf werden, während der Geschmack präzise bleibt. Eine Taube, dicht und dunkel, Gargrad auf den Punkt, eine Sauce, die den Teller zusammenzog. Fischgänge, bei denen man erst hinterher begriff, dass die größte Leistung darin bestanden hatte, nichts kaputtzumachen. Austern, die nach Ort schmeckten. Pilze neben Fleisch vom Feuer. Ein Dashi, das zwischen Kulturen stand und sich um diese theoretische Frage überhaupt nicht kümmerte.

Seltsamerweise besitzen diese Erinnerungen keine Hierarchie. Ein Schluck großer Burgunder kann neben einem Baguette stehen. Eine Torte mit Kaviar neben einer Sardine aus der Dose. Nicht, weil sie kulinarisch dasselbe wären. Sondern weil Gedächtnis keine Restaurantführer liest.

Menschen

Der Teller ist nie allein

Die vielleicht wichtigste Korrektur meiner eigenen Sicht kam spät, obwohl ich sie vermutlich längst wusste: Essen funktioniert nur mit Menschen.

Damit ist nicht die wohlfeile Behauptung gemeint, gemeinsam schmecke alles besser. Man kann hervorragend allein essen. Gemeint ist etwas anderes. Die Menschen, die kochen, servieren, empfehlen, einschenken und einen Raum tragen, bilden den Resonanzraum eines Essens.

Ein guter Service verändert den Geschmack nicht chemisch, aber er verändert unsere Bereitschaft, ihn wahrzunehmen. Ein Sommelier kann aus einem Wein eine Geschichte machen oder aus einer Geschichte eine Verkaufsveranstaltung. Ein Koch kann Persönlichkeit zeigen, ohne den Gast zum Statisten seines Konzepts zu degradieren. Ein Gespräch am Nebentisch kann einen Abend öffnen. Ein unpassender Ton kann ihn ebenso schließen.

Viele der stärksten Erinnerungen haben deshalb unscharfe Ränder. Man weiß noch, wer lachte. Wer etwas nachschenkte. Wer kurz aus der Küche kam. Wer eine Empfehlung gab, die eigentlich gar nicht geplant war. Oft erinnert man sich an die Atmosphäre besser als an den dritten Zwischengang.

Das ist keine Schwäche des kulinarischen Gedächtnisses. Es ist sein eigentliches Wesen.

Kultur

Warum Essen mehr sein darf als Luxus

Wer viel reist, bemerkt irgendwann, dass Gesellschaften sehr unterschiedlich darüber sprechen, wenn Menschen außergewöhnlich gut kochen.

In Frankreich, Spanien, Italien oder Japan wirkt es oft selbstverständlicher, bedeutende Gastronomie als Teil der eigenen Kultur zu betrachten. Sie steht neben Architektur, Wein, Handwerk, regionaler Identität. In Deutschland haftet der Spitzenküche schneller der Verdacht an, sie sei vor allem ein teures Privatvergnügen.

Natürlich ist nicht jedes teure Essen Kultur. Eine hohe Rechnung adelt nichts. Sterne sind keine moralischen Auszeichnungen. Und Luxus bleibt Luxus.

Aber große Gastronomie bewahrt und verändert Techniken. Sie schafft Nachfrage nach außergewöhnlichen Produkten. Sie hält Produzenten sichtbar. Sie prägt Regionen, bildet Menschen aus, entwickelt Geschmacksbilder weiter und exportiert kulturelle Vorstellungen. Das ist mehr als Freizeitkonsum.

Vielleicht hat mich gerade das Reisen dafür empfindlicher gemacht. Eine Auster in der Bretagne, ein Pintxo in San Sebastián, Parmesan in Modena, Fisch in Cornwall, eine japanische Schnitttechnik in Düsseldorf oder deutsche Erinnerungen in Bangkok: Jedes davon erzählt etwas über Herkunft – selbst dann, wenn Herkunft längst mobil geworden ist.

Kulinarik ist Kultur gerade deshalb, weil sie sich nicht im Museum aufbewahren lässt. Man muss sie immer wieder kochen und essen. Sonst verschwindet sie.

Epilog

Was bleibt

Zwanzig Jahre Hunger nach Welt klingen im Rückblick größer, als sie sich im Alltag anfühlten. Meist war da keine große biografische Idee. Da war Vorfreude. Eine Reservierung. Eine Fahrt. Ein Flug. Manchmal eine viel zu lange Strecke für ein Abendessen. Manchmal Neugier auf einen Koch, einen Wein, einen Markt, ein Produkt.

Erst später erkennt man die Linie.

Sie führt von der Bewunderung großer Namen zur Bewunderung großer Arbeit. Vom Wunsch, möglichst viel kennenzulernen, zum Wunsch, genauer hinzusehen. Von der Idee, Geschmack lasse sich hierarchisch ordnen, zu der angenehmeren Erkenntnis, dass er sich ständig widerspricht.

Heute können nebeneinander bestehen: Thieltges’ Tatar und eine Anchovis. Botturas Parmesan und ein Baguette aus dem Holzofen. Le Bernardin und ein Fisch am Hafen. De Librije und eine Garküche. Ein Schluck DRC und ein unkomplizierter Riesling, der einfach im richtigen Moment kam.

Das ist keine Gleichmacherei. Unterschiede sind wichtig. Qualität ist wichtig. Handwerk ist wichtig. Nur die Vorstellung, Bedeutung müsse sich an Prestige halten, ist irgendwann verschwunden.

Und vielleicht ist genau das der Ertrag all dieser Wege: Man fährt sehr weit, um irgendwann wieder zu begreifen, wie groß ein Stück Brot sein kann.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.